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2. Großer Säulenhof (Vorhalle, Pronaos)

Der Pronaos ist der erste große Bereich des eigentlichen Tempelgebäudes. Er hat eine Länge von 40 Ellen, eine Breite von 36 Ellen und eine Höhe von 30 Ellen. 18 gewaltige Säulen, symbolisieren Papyruspflanzen und Dattelpalmen und galten für die Ägypter als Stütze des Himmels.

Kopf der Horusstatue im Detail
Kopf der Horusstatue im Detail

Horusstatuen
Der Pronoas wurde ursprünglich von zwei großen Horusstatuen aus Granit bewacht, von denen die linke noch vollständig erhalten ist, während von der anderen nur noch der Rumpf existiert. Sie zeigen bzw. zeigten Horus in Gestalt des Königsfalken (gut erkennbar an der Doppelkrone).

Die vorderen sechs Säulen sind durch eine Steinwand miteinander verbunden, durch die nur ein schmaler Eingang in der Mitte ins Innere des Tempels führt. Zwei kleine Hohlräume befinden sich zwischen den Säulen und der Rückseite dieser Wand. Sie waren damals jeweils durch eine Tür verschlossen und dienten als Morgenhaus und Tempelbibliothek.

Fassade des Hypostyls
Fassade des Hypostyls mit Horus-Statue davor
Horusstatue vorm Pronaos
Horusstatue vorm Pronaos
Lichtstrahlen im Innern der Hypostylhalle
Lichtstrahlen im Innern der Hypostylhalle

3. Haus des Morgens

Das Morgenhaus befindet sich auf der östlichen Südseite der ersten Vorhalle. Es ähnelte dem Min-Heiligtum Senut (bei Memphis) und diente dem Königspriester zur allmorgendlichen körperlichen und symbolischen Reinigung.

In seinem Inneren befanden sich stets ein Waschkrug, vier Nemset-Krüge, vier Descheret-Gefäße und Heset-Vases aus Gold(!). Den Inschriften nach wurde der Königspriester hier von den Göttern selbst gereinigt. Neben der körperlichen Reinigung mit Natron und Wasser beräucherte dieser sich auch mit Weihrauch und mußte verschiedene Sprüche aufsagen.

Danach folgte die symbolische Reinigung. Dazu mußte der Priester mit einem mit Wasser gefülltem Nemset-Gefäß vier Runden laufen und ständig "Rein, rein" rufen. Anschließend wiederholte er die Prozedur mit jeweils vier Kügelchen Natron. Wenn er damit fertig war, kam der Sem-Priester und reichte ihm ein Frühstücksopfer dar.

Das Frühstück des Königspriesters
Früchte des Christdorn Früchte des Isched-Baumes
Milch fünf kleine Zwiebelknollen
Wein Bier
Brot Augenschminke
Weintrauben Wasser

4. Bibliothek (das Haus der Buchrolle)

Die Bibliothek befindet sich auf der westlichen Südseite der ersten Vorhalle. Ihre Grundfläche umfasst gerademal zwei Quadratmeter (Acht Quadrat-Ellen). Hier befanden sich alle wichtigen und am häufig genutzten Schriften des Tempels. Daß die Bibliothek des Tempels so winzig ausfällt ist erstaunlich. Man muß jedoch bedenken, daß die Ägypter ihr Wissen noch nicht in gebundenen Büchern sondern auf Papyrusrollen festhielten. Papyrus-Papier war in Ägypten darüberhinaus sehr kostbar. Nur ein kleiner Teil des Tempelpersonals hatte wirklich lesen gelernt (wahrscheinlich nur die höheren Priester). Außerdem war das meiste Wissen bereits in die Tempelwände eingemeißelt. [1]

Die Papyrusrollen wurden in Kästen verstaut. Diese standen in zwei Nischen in der Ost- und Westwand. Die Themen der Rollen waren sehr vielfältig. Sie enthielten Anweisungen zur Durchführung von Ritualen und Festen, magische Sprüche und Salbenrezepte. Aber auch astronomische Beobachtungen, Anweisungen für das Beschriften einer Tempelwand und Inventarlisten waren dabei. In anderen Tempelinschriften werden noch mehr Schriften erwähnt, als in den Inschriften des Bücherhauses. Man kann deshalb davon ausgehen, daß es außerhalb der Bibliothek noch mehr Bücher gab.

Schrifttitel im Haus der Buchrolle
"Niederwerfen des Seth"
"Vertreiben des Krokodils"
"Schutz der Stunde(n)"
"Behüten der Prozessionsbarke, die in der großen Flußbarke ist"
"Krönung des Königs"
"Leitendes Rituals"
"Große Verklärungen desjenigen, der auf der Bahre liegt (Osiris)"
"Schutz der Stadt"
"Schutz des Hauses"
"Schutz der weißen Krone"
"Schutz des Thrones"
"Schutz des Jahres" (Neujahrshymnen)
"Schutz des Bettes"
"Besänftigen der Sachmet"
"Rituale"
"Sammelschriften"
"Löwen jagen"
"Krokodile abwehren"
"Gewürm abwehren"
"Alle Geheimnisse der Salbenwerkstatt kennen"
"Was im Tempel ist"
"die Menschen (Untertanen) einschüchtern" (?)
"Alle Schriftendes Kampfes"
"Ordnung (Leitung) des Tempels"
"Tempelpflichten (Tempeldienst)"
"Vorschrift für das Beschriften einer Wand"
"Schutz des Leibes"
"Schutz des Königs in seinem Hause"
"Sprüche für das Abwenden des bösen Blickes"
"Die Bewegungen der beiden Leuchtenden (Sonne und Mond) kennen, der Herrscher der wandernden (Sterne)"
"Alle (heiligen) Stätten kontrollieren und wissen, was in ihnen ist"


[1] Worüber man sehr dankbar sein kann, denn nur dadurch wissen wir heute soviel über den Edfu-Tempel.

Als Quellliteratur wurde hauptsächlich verwendet:

Kurth, Dieter : Treffpunkt der Götter, Artemis & Winkler, 1998
Sauneron, Serge : Die letzten Tempel Ägyptens, Medea,