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Die Feier der heiligen Vermählung

Die Feier der heiligen Vermählung (auch die schöne Vereinigung und das schöne Fest von Behedet genannt) fand am ersten Neumond im dritten Monat der Schemu-Jahreszeit statt. Sie dauerte insgesamt 21 Tage, wobei 15 Tage davon in Edfu stattfanden.

Das Fest der Vermählung war ein Volksfest. Jeden Tag gab es Prozessionen, Opfer, Wiederbelebungen der Götterbilder und Gesang. Bei dem Fest waren sowohl geistliche als auch weltliche Personen von hohem Rang dabei (wie z.B. die Statthalter von Edfu und Hierakonpolis).

Transport der Hathorstatue von Dendera nach Edfu

Die Barke für den Transport der Hathorstatue Die Statue der Göttin Hathor wurde 5 Tage vor Neumond von Dendera nach Edfu gefahren. Die Strecke von Dendera bis Edfu war ungefähr 180km lang und die Fahrt dauerte 4 Tage. Zwischendurch legte die Barke in Theben, Kommeir und Hierakonpolis an. In Theben besuchte man den Tempel der Mut und in Kommeir die Göttin Anukis. In Hierakonpolis begleitete die heilige Statue des dortigen Horus die Prozession in Richtung Edfu. Die Statue des Horus von Edfu wurde vor der Ankunft von Hathor in einer am Nilufer, nördlich von Edfu gelegenen Kapelle gebracht. Am 1. Tag vor Neumond gelangte die Statue von Hathor und dem Horus von Hierakonpolis in Edfu an. Der genaue Zeitpunkt für die Ankunft war auf die achte Stunde festgelegt.

Feiern und Rituale in Edfu
Alle Götterstatuen zogen im Tempel von Edfu ein. Man vollzog ein Mundöffnungsritual und führte bestimmte Opfer aus.
Am darauffolgenden Tag wurden dann alle 3 Statuen nach Behedet gebracht. [1] Zuvor mußte ein Mundöffnungsritual vor Horus von Behedet, Hathor, Horus von Hierakonpolis, Chons, dem heiligen Stab Die-mit-dem-Gesicht-des-Chepre, dem Segemeh-Speer und den heiligen Stäben von Horus Behedeti, Hathor und Chons ausgeführt werden.

Die Fahrt nach Behedet

Die Fahrt nach Behedet
Die Flußbarke des Horus hieß ebenfalls Die-mit-dem-Gesicht-des-Chepre und die Flußbarke der Hathor hieß Herrin-der-Beliebtheit. Vor der Abfahrt mußte noch das Ritual "Schutz-der-Barke" und ein Opfer ausgeführt werden. Weitere Ritualhandlungen waren das Ausrufen von Lobpreisungen und die Darreichung von Wein.

Das Orakel der vier Graugänse
Danach vollzog man das Orakel der vier Graugänse. Dazu ließ man vier Graugänse über die Wasserfläche fliegen. Flogen diese tief, so hatte dies eine negative Bedeutung, flogen sie hoch, so wurde für die Fahrt eine günstige Gelegenheit vorhergesagt.

Rituale vor der Abfahrt
Zu weiteren Ritualhandlungen gehörte das Schleppen von Meret-Kästen [2] , das Treiben von Kälbern, ein Maat-Opfer, das Herbeitragen von Opferspeisen, das Spielen von Musik und Gesang.
Es mußten Sträuße von Zweigen des Ima-Baumes und der Weide herbeigebracht und vor der Göttin Neith dargeboten werden. [3] Zu weiteren Ritualhandlungen zählten die Zubereitung eines Opfermahls, das Vorlesen des Bücherschreibers aus dem Buch "Lobpreis des Ba-Demedj(Osiris)" und dem Opfern von ausgewählten Fleischstücken. Viele dieser Rituale scheinen aus Dendera zu stammen.

Begleiter der Barken auf dem Weg nach Behedet
die gesamte diensttuende Priesterschaft des Tempels, angeführt vom Vorlesepriester
der Älteste der Tempelhalle
der Vorsteher der Stadt Edfu
der staatliche Tempelverwalter des Königs
der Vorsteher der Stadt Hierakonpolis
der Vorsteher der Stadt Komir
Trommelschläger
Arbeitseinteiler
Ruderer
Steuerleute
Sänger
vier Träger für das Feuerbecken [4]
Leiter des Magazins
drei Schatzmeister
ein Siegler
vier Pastophoren [5]

Leute aus Elephantine sollten darüber wachen, daß keine fremden Schiffe die Prozession behinderten, d.h. sie sollten für das Freihalten der Fahrrinne sorgen. Die Vorsteher aus Dendera waren für die Bewachung des Tempels von Edfu zuständig. [6]

Auf der Fahrt sang man dann das Jubellied "Freude in Ewigkeit" und "Freude, Freude, fortwährend".

Opfer für die Reise nach Behedet
Wasserspende für einen Gefäßständer
Opferbedarf für einen Altar
zweit Mensa-Krüge mit Wasser
zwölf Mentjat-Schalen mit Wasser
zwei Descheret-Krüge mit Wasser
zwei Näpfe mit gemischtem Natron
zwei Näpfe mit Ta-ur-Brot
zwanzig Näpfe mit Kuchen
zehn Näpfe für das Wasser des Descheret-Kruges
zwanzig Doppeltöpfe mit ober- und unterägyptischem Wein
zwei Messer
zwei Näpfe mit einem Vorderschenkel und vier Zwiebelknollen
ein Napf mit Leber
einen Napf mit einem doppeltem Rippenstück
zwei Näpfe mit Hinterschenkel
zwei Näpfe mit gegrillten Fleischstücken
zwei Töpfe mit Milch
zwei Töpfe mit Wein
zwei Doppeltöpfe für das Wasser des Mensa-Kruges
ein Napf mit Weißbrot

Angekommen in Behedet
In Behedet mußten die Barken an der Stätte-des-Geb anlegen. Als man dort anlegte war bereits der zweite Tag des Neumondfestes, welcher in den Inschriften auch als der erste Tag des Festes von Behedet genannt wird. In Behedet ließ man die Barken an den Ufern liegen (an der Ersten-heiligen-Stätte) und ging zu Fuß bis zum Westrand der Wüste, wo der Tempel stand. Zu den ersten Ritualhandlungen, die man dort vollführte gehörte ein Mundöffnungsritual, die Zubereitung eines Opfermahls, das Ausführen eines großen Brandopfers für Geb, die Opferung von Kleinvieh auf dem dortigen Altar und das Ausführen der Rituale "Hinabsteigen in die Barke" und "Schutz der Barke".

Prozession zum heiligen Bezirk von Behedet

Besuch der Urgötter
In Behedet verehrte man die Urgötter Edfus, in dem man ihnen Opfer brachte.
Ziel dieser Reise war die Regeneration von Horus und Hathor. Bei einer Prozession wurden die Statuen von Horus und Hathor zu den Gräber der "toten Götter" gebracht. Diese Gräber befanden sich westlich von Edfu am Rand der Wüste. Es wurden dort die verstorbenen Vorfahren der beiden Götter verehrt, welche auch als Schöpfer des Universums galten.

Vom Tempel zu den Gräbern wurde eine Prozession gebildet, bei der die mitgenommen Götterstatuen wieder präsentiert wurden. Der Inhalt und die Sänger der dabei gesungenen Lieder waren genauestens vorgeschrieben. Z.B. mußte viermal der Spruch "Horus ist in Triumpf gekommen" vom Schreiber des Gottesbuches aufgesagt und viermal mußten die Gottesdiener das Lied "Froh seien eure Herzen, o ihr lebenden Bas" gesungen werden.

Die Halle des Lebenshauses
Vor den Gräbern endete die Prozession in der "Halle des Lebenshauses". Ein Priester wurde dazu bestimmt, das dortige Amt zu übernehmen. Einer roten Ziege und einem roten Rind wurden die Eingeweide herausgenommen und durch süßduftende Substanzen (Öle, Gewürze, Obst?) ersetzt, bevor sie gebrandopfert wurden. [7]
Vor den dortigen Gottheiten wurde Schedeh [8] und Wein geopfert. Der Schreiber des Gottesbuches mußte die gesamten Bücher "Anbetung des Horus mit dem dauerhaften Erbe", "die Leiden des Feindes", "die alten Urgötter" und "die Untertanen einschüchtern" vorlesen. [9]

Für Re gab es ein Opfer von 100 Broten, 100 Weißbroten, 5 Gefäßen Bier, 14 Dattel-Fladenkuchen, 14 Stück Fladengebäck, 14 Stück Gebäck mit ganzen Datteln, 10 Krügen Milch, 1 lebenden Gans und einem Krug Wein. Die Gottesdiener mußten ein Opfer für die Toten bringen und den Spruch "Sei gegrüßt o Re, sei gegrüßt o Chepre" aufsagen.
Vier Graugänse [10] als lebende Verkörperung der 4 Horussöhne wurden in vier Himmelsrichtungen geschickt, dabei mußte der Gottesbuchschreiber für jede Gans einen Spruch aufsagen.

Gans Himmelsrichtung
Amset Süden
Hapi Norden
Duamutef Westen
Kebehsenuf Osten

Die Auserwählung des Horus
Der Königspriester mußte Pfeile in alle vier Himmelsrichtungen schießen. Ein rotes Rind wurde vor Horus-Behedeti geschlachtet. Dann wurde der rechte Vorderschenkel abgeschnitten und in die versammelte (männliche) Menge geschmissen. Der Fänger erhielt den Namen "Horus", wurde auf den Nacken des (soeben geschlachteten) Rindes gestellt, mit Myrrhe eingereibt und dessen Kopf eingesalbt, ausserdem erhielt er obendrauf noch eine Belohnung. [11]

Das Nilpferdritual ("Re triumphiert über seine Feinde") [12]
Ein Nilpferd aus rotem Wachs und Sägemehl wurde geformt. Auf seinem Körper ritzte man die Namen beliebiger Feinde und die Bilder zweier Krokodile ein. Verschiedene Rituale wurden vor diesem Nilpferd ausgeführt : "Alle Feinde des Königs", die Litanei "Lobpreis des Gottes", "Nilpferd aus Kuchenteig" und "Fische zertreten" durch die Priester, den Gottesvätern und dem Schreiber des Gottesbuches. [13]

Der Königspriester mußte auf das Nilpferd treten und es mit Messern aus Steinzerschlagen und den Spruch "Zerschneidet euch" aufsagen. Danach durfte die gesammelte Menge die Opfergaben verspeisen und die Nacht dort [14] verbringen.

Die darauffolgenden Tage
Alle Rituale dieses Tages wurden zwei Wochen lang auf ähnliche Weise wiederholt. Nach Ablauf der zwei Wochen kehrten alle Priester und die Göttestatuen wieder in ihre Tempel zurück.

Prozession vom heiligen Bezirk von Behedet zum Fluss

Der letzte Tag (vierzehnter Tag des Festes von Behedet)
Die Prozession zog zu den Flußbarken und fuhr zurück nach Edfu. Die Prozession versammelte sich an der Stationskapelle des Königs (Keheses), um sich dort auszuruhen. Es werden übliche Opfer gebracht (Brot, Bier, Rindfleisch, Geflügel) und das Mundöffnungsritual vom Schreiber des Gottesbuches ausgeführt.

Rückfahrt nach Norden zum Tempel von Edfu.

Die Ehrung von Horus Behedeti
Acht Wab-Priester wurden auf beiden Seiten der Statue (des Horus) mit Blumensträußen aufgestellt und mussten dem Gott zujubeln. Die große Bootsmannschaft des Horus und die Barke mit der Bezeichnung "Die-mit-dem-Gesicht-des-Horus" sollten zum gleichen Zeitpunkt vorbeifahren, wobei die Matrosen das Jubellied "Es gehören Stärke und Sieg dem Horus" singen mußten. Viermal sollte der Spruch "Es erscheint in Prozession Horus Behedeti" ausgerufen werden.

Landung in Edfu.

Die Statuen kehren heim
Die Statue des Horus wurde in den Tempel von Edfu zurückgeführt. Dabei mußten noch die 5 "Gottesspeere" vor diesem hergezogen und vom Schreiber des Gottesbuches mußte viermal das "Ritual vom Lobpreis des Gottesspeeres" vorgelesen werden. Danach wurde die Hathorstatue in ihre Flußbarke "Groß-an-Beliebtheit" geführt und fuhr mit ihrer Mannschaft wieder zurück nach Dendera [15]

Damit war die Feier der heiligen Vermählung beendet.

Der Ablauf dieser Feier war genau vorgeschrieben und findet sich auf den Nordwänden der Pylonentürme des Edfutempels wieder.


[1] Dies ist ein heiliger Bezirk im Südwesten von Edfu. zurück
[2] Dieses Ritual sollte der Regeneration des Osiris und das Auflaufen der Schiffe auf Sandbänke entgegenwirken, denn zur Zeit des Festes war Niedrigwasser. zurück
[3] Damit wollte man sie besänftigen, denn sie war dafür zuständig, daß die Barken nicht auf Sandbänke aufliefen. zurück
[4] Dieses wurde für Brandopfer benötigt. zurück
[5] Dies waren Träger der Götterschreine. zurück
[6] Da ja die gesamte Priesterschaft auf dem Weg nach Behedet war. zurück
[7] Dies könnte der symbolischen Vernichtung des Seth gedient haben, da Rot die Farbe des Seth war. zurück
[8] Hierbei handelte es sich um ein Rauschgetränk. zurück
[9] Einige dieser Schriften stammten aus der Bücherhalle von Edfu. zurück
[10] Möglicherweise mit Botschaften versehen, wie bei Brieftauben. zurück
[11] Diese bestand wahrscheinlich aus Extra Brot, Bier und Fleisch. zurück
[12] Zweifelsohne der Höhepunkt des Abends. zurück
[13] Die Fische symbolisierten alle gefährlichen Wassertiere. zurück
[14] Das Klima in Ägypten lässt es zu, dass man unbesorgt unter freiem Himmel schlafen kann. zurück
[15] Mitsamt den anderen Götterstatuen, die sich der Reise nach Edfu auf der Hinfahrt anschlossen. zurück

Als Quellliteratur wurde hauptsächlich verwendet:

Kurth, Dieter : Treffpunkt der Götter, Artemis & Winkler, 1998
Sauneron, Serge : Die letzten Tempel Ägyptens, Medea,