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Der Morgendienst im Horustempel von Edfu

Der Morgendienst war ein Teil der täglichen Rituale, die im Tempel von Edfu ausgeführt werden mußten. Die Aufgabe des täglichen Rituals war es, die auf die Erde gekommene göttliche Macht zu unterhalten und sie mit allem fürs Leben notwendige zu versorgen. Es gab insgesamt drei tägliche Gottesdienste (am Morgen, am Mittag und am Abend)

Die meisten Rituale des Morgendienstes wurden vom Königspriester durchgeführt. Dieser mußte vor Antritt seines Dienstes eine symbolische Reinigung im Morgenhaus vollziehen. Außerdem mußten vor dem Morgengrauen Opferbrote gebacken, Opfertiere geschlachtet und Speiseopfer vorbereitet werden. Es herrschte zu diesem Zeitpunkt also bereits ein ziemlich reger Betrieb im Tempel.

Durch die Osttür zog eine Prozession mit Speisen und durch die Westtür eine Prozession mit Wasser aus dem Tempelbrunnen ein. Vereint zogen beide Prozessionen zum Sanktuar. Beim erstem Auftauchen der Sonnenstrahlen wurde dann das Allerheiligste geöffnet. Die Opfergaben wurden auf die Altäre des Opfersaals gelegt und mit Wasser und Weihrauch gereinigt. Zu diesem Zeitpunkt mußten alle Hilfskräfte und Laienpriester das Allerheiligste verlassen.

War dies geschehen, stimmte eine Gruppe von Priestern den sogenannten Morgenhymnus an. Der Königspriester öffnete das Tonsiegel des Naos und dessen beiden Türflügel. Die heilige Falkenstatue wurde umarmt, damit der Gott seine Kräfte wiederfand. Darauffolgend ging der Königspriester zum Opfersaal, holte ein paar Opfergaben und legte diese vor die Füsse der Statue. Die Götter im Saal der Neunheit erhielten ebenfalls Opfergaben.

Ritual der Mundöffnung durch Pharao Ay
Ritual der Mundöffnung

Nachdem die Götter zufrieden waren, wurden dieselben Opfergaben auf Opfertischen von Königen und anderen hohen Persönlichkeiten gebracht. Diese Opfertische dienten für den Todesfall und sollten das Weiterleben im Jenseits sichern. Die Opfergaben gelangten zurück in die Wirtschaftsräume und wurden dort vom Tempelpersonal verzehrt.

Sodann wurden mehrere Rituale an der Götterstatue vollzogen. Dazu gehörten u.a. das Waschen, Salben, Kleiden, Frisieren, Beschmückung mit Juwelen, Beweihräucherung, Besprengung mit Weihwasser und mit aller Wahrscheinlichkeit halber auch das Ritual der Mundöffnung. War dies vollendet, wurde der Naos wieder verschlossen. War dies geschehen so ging der Oberpriester rückwärts aus dem Sanktuarium hinaus und verwischte seine Spuren im Sand. Danach wurde es vollkommen dunkel im Allerheiligsten.

Die Rituale des Morgendienstes zusammengefasst
Szene Ritualbeschreibung Erläuterung
1 Die Stufen hinaufsteigen Der Königspriester betritt das Allerheiligste
2 Die Schnur wegziehen Vorbereitung zum Öffnen des Schreines
3 Das Siegel lösen Der Naos war jeden Tag mit einem neuen Siegelversehen
4 Den Blick freigeben auf den Gott Das Öffnen der Türflügel
5 Den Gott anschauen
6 Den Gott viermal preisen
7 Die Verehrung von Thot
9 Beweihung der Barke des Horus
13 Bekleiden mit dem grünen Stoff Die Statue wird bekleidet
14 viermal um den Gott herumgehen Der Königspriester geht weihrräuchernd und mit 5 Kugeln Natron viermal um die Horusstatue herum
17 Salbe darbringen seinem Vater Die Horusstatue wird eingesalbt.

1. Die Stufen hinaufsteigen
Hieroglyphen Übersetzung
Die Stufen hinaufsteigen Worte zu sprechen: "Ich bin die Stufen emporgeschritten, ich habe mich der (Prozessionsbarke) Trägerin-der-Schönheit genaht, auf daß ich sehe den Gott im Schiff, indem meine Hände rein sind, meine Füße makellos und mein ganzer Körper geweiht."

2. Die Schnur wegziehen
Hieroglyphen Übersetzung
Die Schnur wegziehen Worte zu sprechen: "Ich habe die Schnur weggezogen, um mich dem Schrein zu nahen, und ich löse das Siegel, um den Gott zu schauen. Ich kenne (und öffne) die Türflügel am Horizont-des-Re (Sanktuar), damit ich das Übel (die Dunkelheit) vertreibe von der Sonnenscheibe, die darin ist."

3. Das Siegel lösen
Hieroglyphen Übersetzung
Das Siegel lösen Worte zu sprechen: "Ich habe die Erde (den Siegelton) fortgenommen, ich habe das Siegel gelöst, damit ich hochreiche das Lebende (Auge) für seinen Herrn. Ich bin Thot, der das Glänzende (Auge) seinem Herrn bringt und den Horus zufriedenstellt mit seinem Auge."

4. Den Blick freigeben auf den Gott
Hieroglyphen Übersetzung
Den Blick freigeben auf den Gott Worte zu sprechen: "Du erglänzt auf Erden (im Sanktuar), ebenso, wie du am Himmel hervorkommst, und dein Lichtglanz bestreut die ganze Welt. Die Götter (im Tempel) leben auf und preisen deine Schönheit, ebenso, wie sie im Osten (der Welt) geboren werden."

5. Den Gott anschauen
Hieroglyphen Übersetzung
Den Gott anschauen Worte zu sprechen: "Ich habe den Gott angeschaut, der Mächtige schaut mich an. Der Gott jubelt bei meinem Anblick, sobald ich erblickt habe das Standbild des göttlichen Geflügelten Skarabäus (Api), die erhabene Gestalt des Falken-aus-Gold."

6. Den Gott viermal preisen
Hieroglyphen Übersetzung
Den Gott viermal preisen Worte zu sprechen: "Ich habe (begonnen), deine Majestät zu preisen mit erlesenen Sprüchen, mit Verklärungen gemäß der Größe deines Ansehens, mit deinen großen Namen und all deinen Gestalten, deren Herr du geworden bist am Uranfang."

Der Mittagsdienst

Zur Mittagszeit blieb der Naos verschlossen. Die Naos der vereinigten Götter und Kapellen rund um das Sanktuarium wurden hingegen von Priestern mit Weihwasser besprengt und mit Weihrauch beräuchert.

Der Abenddienst

Auch zur Abendzeit blieb das Sanktuarium für gewöhnlich verschlossen. In die Nebenkapellen brachte man Speise und Trankopfer und weihte diese. Danach wurden die Opfergaben wieder entfernt und die Türflügel der Kapellen verschlossen.

Die Nacht

Über Nacht blieb es sehr ruhig im Tempel. Ein Priester hatte die Aufgabe, den Stundendienst zu leisten. D.h. er mußte nach dem Stand der Sterne die aktuelle Uhrzeit bestimmen und zum Beginn jeder Stunde festgelegte Schutzriten aufsagen.

Als Quellliteratur wurde hauptsächlich verwendet:

Kurth, Dieter : Treffpunkt der Götter, Artemis & Winkler, 1998
Rochemonteix/Chassinat : Le Temple D'Edfou I,1 - I,4, Institut Francais D'Archeologie Orientale du Caire, 1984
Sauneron, Serge : Die letzten Tempel Ägyptens, Medea,